Anti-Aggressivitäts-Training

Als Anti-Aggressivitäts-Training, auch Anti-Aggressions-Training oder Anti-Gewalt-Training, bezeichnet man einen Trainingskurs, der aus einer größeren Gruppe theoretischer, praktischer und körperlicher Übungen zusammengestellt wird und der Vorbeugung aggressiver Verhaltensweisen im Alltag bzw. deren Abbau dient 

 

Schwerpunktsetzung

Ähnlich wie bei sportlichem Training steht eine große Vielzahl von Übungen zur Verfügung, aus denen der Kurs schwerpunktmäßig zusammengesetzt wird. Oft werden die Teilnehmer (vorbereitet) mit aggressiven Verhalten konfrontiert, Rechtfertigungs- und Neutralisierungsstrategien sollen sichtbar gemacht und abgebaut werden, die Opfersichtweise wird vermittelt. Die Notwendigkeit von Gewalt wird in Frage gestellt und Schlichtungs- und Deeskalationsstrategien werden erlernt. Dazu gibt es viele praktische Übungen, die kombiniert oder einzeln eingesetzt werden können.

 

Ziel und Zweck:

Jedes Anti-Aggressivitäts-Training dient dem Zweck, aggressiven Verhaltensweisen vorzubeugen oder sie abzubauen, damit diese im Alltag seltener oder nicht mehr auftreten. Dazu werden kognitive und emotionale Komponenten beobachtet und analysiert. Zusätzlich werden die Teilnehmer mit aggressivem Verhalten konfrontiert, sowohl dem eigenen als auch dem der anderen. Sie sollen lernen, selbst auf die Anwendung von Gewalt zu verzichten, auch wenn sie die körperliche Stärke dazu haben, oder Gewalt aus dem Weg zu gehen, wenn sie ihnen begegnet. Gewaltanwendung wird als Schwäche dargestellt. Wer schlägt, ist nicht stark genug, bessere Konfliktlösungsmöglichkeiten zu nutzen.

Bei den Trainingseinheiten werden kontrolliert Situationen hergestellt (simuliert), in denen aggressive Verhaltensmuster auftreten. Durch das Eintrainieren von nicht-aggressiven alternativen Verhaltensweisen lernen die Teilnehmer, wie sie sich besser verhalten können.

 

Organisatorische Voraussetzungen:

Weil es sich um praktische Trainingsmaßnahmen handelt, sind geeignete Räumlichkeiten nötig, die auch langfristig zur Verfügung stehen Allgemein ist eine Sporthalle günstig. Benötigtes Material kann aus dem sportpädagogischen Bereich entnommen werden, für theoretische Übungsteile wird eine Tafel oder ein Projektor verwendet.

Im heilpädagogischen Bereich erfolgt oft eine enge Zusammenarbeit mit den Wohngruppen-Betreuern (Einzelfall-Beratung). Zusammenarbeit ermöglicht bessere Ergebnisse und hilft, auf die Bedürfnisse jedes Teilnehmers einzugehen.

 

Grundregeln:

Gewalt und Aggression sind menschliche Verhaltensweisen, die zur Kenntnis genommen werden. Sie werden allerdings nicht akzeptiert, sondern sollen durch Regeln und Normen kultiviert werden. Zu Beginn des Trainings werden oft einige allgemeine Regeln aufgestellt, die ausgehängt oder schriftlich auf einer Tafel festgehalten werden können. Regelverletzungen werden oft als ein Zeichen dafür gewertet, dass die Teilnehmer noch nicht soweit sind, die jeweilige Übung durchzuführen. Die Grundregeln besagen:

  • Keine gegenseitigen Verletzungen.

  • Nur simulieren, kein Ernst: Falls aus einer Übung plötzlich Ernst werden sollte, wird sie vom Leiter abgebrochen. Die Situation wird wieder auf eine theoretische Ebene verlagert.

  • Keine Ausgrenzung: Niemand darf einen anderen ausgrenzen; Schwache und Starke gehören gemeinsam zur Gruppe − sie können diese Position nicht verlieren.

  • Nichts unter den Teppich kehren: Treten Konflikte auf, werden die Teilnehmer sofort mit ihnen konfrontiert. Es wird niemals abgebrochen, oder aber der Konflikt verschwiegen.

 

Übungen und Segmente:

Viele, aber nicht alle Übungen folgen dem Konfrontationsprinzip. Die Teilnehmer werden mit Gewalt oder provozierenden Situationen konfrontiert und sollen lernen, diese Situationen auszuhalten, ohne selbst gewalttätig zu werden.

Provokationshierarchie

Oft wird in Gesprächen und während der Übungen eine Provokationshierarchie herausgearbeitet. Dabei geben die Teilnehmer an, welche Situationen für sie individuell leichter oder schwerer gewaltfrei zu bewältigen sind bzw. inwieweit sie wann noch gelassen bleiben können. Die Grenze zwischen Gelassenheit und aggressiver Verhaltensweise soll in dieser Hierarchie schrittweise heraufgesetzt werden. Dazu dienen die Übungen.

Kooperative Übungen

Bei den sogenannten kooperativen Übungen werden Aufgaben gestellt, die naturgemäß nur gemeinsam gelöst werden können. Hierbei steht nicht unbedingt die Gewalt im Vordergrund, sondern eine neutrale Aufgabe. Wird diese gemeinsam gelöst, erwerben die Teilnehmer Vertrauen in den anderen. Beispiele sind gemeinsames Klettern, Geschick erfordernde handwerkliche Tätigkeiten wie gemeinsames Sägen mit einer Handsäge und erlebnispädagogische Aktionen wie Paddelboot-Fahrten oder Ausflüge.

Körperübungen

Hierzu zählt das Kämpfen nach Regeln. Dabei werden oft Elemente aus dem Judo oder dem Ringen verwendet. Die Übungen dienen dazu, für das Thema Gewalt zu sensibilisieren. Es kommt nicht auf das Training sportlicher Fähigkeiten an. Man führt damit vor, dass Stärke beweisen, sich messen und „auspowern“ Spaß machen kann, wenn dies regelgeleitet und nach Normen geschieht. Diese Spiele werden meist in der Turnhalle auf Matten durchgeführt.

Rollenübungen

Diese nehmen einen breiten Raum ein und sollen von den Teilnehmern aktiv betrieben werden. Dabei übernimmt einer der Teilnehmer die Täter-, der andere die Opferrolle. Beide sollen ihre Befindlichkeiten reflektieren. Durch den Tausch der Rolle wird beiden verdeutlicht, dass Täter- und Opferrolle zwei Seiten derselben Problematik sind. Die Wahrnehmung für den jeweils anderen wird sensibilisiert. Sowohl Täter als auch Opfer können den Verlauf der Situation beeinflussen. Die Frustrationstoleranz kann erhöht werden. Bei Rollenspielen treten oft leichtere, aber auch ernstere Konfrontationen auf.

Heißer Stuhl

Hierbei handelt es sich um eine Konfrontationstechnik, bei der sich Teilnehmer inhaltlich und emotional mit ihrem Verhalten auseinandersetzen müssen. Sie sitzen hier auf einem heißen Stuhl vor oder in der Mitte der Gruppe und stellen sich der Diskussion und dem verbalen „Kreuzfeuer“. Dieser Methode liegt die Theorie zugrunde, dass die Fähigkeit des Menschen zur Aufnahme von Informationen auf ca. sieben bis neun Informationen gleichzeitig beschränkt ist. Alles darüber Hinausgehende führt zu einem „Abreißen“ bestehender Kommunikations- bzw. Rhetorik- Konzepte des Klienten und ermöglicht somit eine Kommunikation jenseits von Schutzmechanismen im Tat-Kontext. Die Gespräche sollen in Einzelheiten gehen und konfrontativ verlaufen. Nach Ablauf des Gesprächs wird ein positives Ende ohne akute offene Fragen hergestellt, da diese sonst mit aus dem Gespräch getragen werden.

Übungen zur Opferperspektive

Die Teilnehmer müssen sich intensiv mit den Empfindungen von Opfern auseinandersetzen. Dazu können auch Erste-Hilfe-Kurse, Vorträge von Ärzten oder der Opferbrief herangezogen werden.

Entspannungsübungen

Diese dienen der Verbesserung der Körperwahrnehmung und können Elemente des autogenen Trainings oder der progressiven Muskelrelaxation enthalten.